Storytelling: Unsere 10 Aha-Momente beim letzten oejfv-Workshop

Am Sonntag den 4. Mai 2019 fand der erste Workshop unseres Vereins zum Thema Storytelling statt. Unter der Leitung von Thorsten Müller, Dozent an der Fachhochschule St. Pölten, durften wir – die TeilnehmerInnen – in die Welt des Storytellings eintauchen.

Da die meisten der TeilnehmerInnen aus Oberösterreich, Niederösterreich oder Wien anreisten, hieß es Samstag früh: bald aufstehen und auf nach St. Pölten, um rechtzeitig beim Workshop zu sein. Bereits um halb 10 startete er, denn es erwartete uns ein buntes Programm.

Von den grundlegenden Fragen wie „Was ist Storytelling überhaupt?“ über jahrtausendelang bewährte Erzählstrategien wie die 3-Akt-Struktur und die Heldenreise bis hin zu Figurencharakterisierung: Thorsten erklärte uns alle Elemente, die das Storytelling ausmachen. Dabei konnten wir bereits vorhandenes Wissen ausbauen oder als blutige Anfänger das erste Mal „Storytelling-Luft“ schnuppern.

Warum es jedoch beim Storytelling eigentlich keine wirklichen Anfänger gibt, erklärte uns Thorsten in seinem Vortrag. Wir haben hier für euch die 10 wichtigsten Punkte zusammengefasst, die wir über Storytelling gelernt haben:

1. Der Erzähler in jedem von uns

Geschichtenerzählen ist etwas, das wir Menschen seit jeher beherrschen. Auch steinzeitliche Höhlenmalereien können als erzählerische Aufbereitung von Informationen gedeutet werden. Es liegt also in unseren Genen, Geschichten zu erzählen. Dass eine gewisse Struktur dahinter versteckt liegt, erkannte Joseph Campbell als Erster. Er untersuchte Märchen, Erzählungen und andere Mythen auf der ganzen Welt und fand bei näherer Betrachtung heraus, dass – egal, ob in Deutschland oder in China – alle (erfolgreich erhaltenen) Geschichten einem gewissen Muster folgen. Campbell nannte dieses Muster „Monomythos“ oder „Heldenreise“. Später wurde das Modell noch verfeinert und auf 12 Schritte heruntergebrochen und ist in dieser Form heutzutage ein wichtiges Tool für Film- und Fernsehproduktionen.

Das Modell der Heldenreise konnten wir als TeilnehmerInnen des Workshops sehr schnell nachvollziehen, da uns sofort Beispiele für Filme einfielen, die man nach diesem Modell einteilen könnte: Am bekanntesten sind wohl Herr der Ringe und Harry Potter. Welche würden euch spontan einfallen, wenn ihr euch die Heldenreise so anseht? Clemens, einer unserer Teilnehmer, fasste das beim Workshop so zusammen:

2. Über den Helden, der auszog, um die Welt zu retten

Der erste Schritt über die Schwelle der Haustür ist der schwierigste. So geht es auch oft den Helden und Heldinnen beliebter Serien und Filme. Zuhause ist es am schönsten, doch passiert in „der gewohnten Welt des Mangels“ meist nichts Erzählenswertes. Der Protagonist oder die Protagonistin muss erst aus der Comfort Zone geschubst werden, um etwas erleben zu können. Wie in unserem Leben ist auch der Kampf des Helden häufig einer gegen den sogenannten „inneren Schweinehund“. Um den wortwörtlichen oder figurativen Endboss zu bekämpfen, muss der Held seine Ängste überwinden und über sich selbst hinauswachsen. Dabei helfen ihm die Gefährten, die er auf seiner Reise getroffen hat.

3. Der Gefährte und der Mentor: die rechte und die linke Hand des Helden

Auf seinem Weg trifft der Held auf alle möglichen Hürden, Schwellen und Feinde. Wenn er manchen Figuren, denen er auf seiner Reise begegnet, nicht trauen kann, so kann er sich immerhin seinem Freund und Begleiter und seinem Mentor anvertrauen. Diese zwei Figuren sind es, die dem Helden – manchmal wortwörtlich – auf Schritt und Tritt beiseite stehen. Häufig genannte und durchaus beliebte Beispiele sind Sam Gamdschie und Gandalf aus dem bereits erwähnten „Der Herr der Ringe“, die Frodo aus seiner Comfort Zone zerren und mit ihm die ungewisse (Helden-)Reise wagen, den Einen Ring zu zerstören: Sam als Begleiter Frodos ist seine Stütze von dem ersten Schritt über die Türschwelle an. Gandalf zuerst als der Graue, der sich „for the greater good“ aufopfert (später aber als Gandalf der Weiße wieder zurückkommt), damit Frodo auf seinem Weg weiterkommen kann.

4. Der Held und sein Schatten

Zu jedem Protagonisten gibt es natürlich auch einen Antagonisten. Der Schatten, wie er in manchen Figurenkonstellationen genannt wird, ist das, was der Held nicht sein will. Er ist quasi der Kontrapunkt zu unserem Helden, er besitzt alle Eigenschaften, die der Held verachtet. Dadurch ist er der perfekte Gegner, den es zu überwinden gilt. Zu Beginn traut sich der Held noch nicht, sich gegen seinen Widersacher aufzulehnen. Im Laufe seiner Reise wächst er jedoch zu einem selbstbewussteren Individuum heran und kann zum Ende seiner Reise hin, neben der Bezwingung einer scheinbar unlösbaren Aufgabe, auch seinen Schatten bezwingen. Damit lässt er seine Vergangenheit zurück und wird wahrhaftig zum Helden. Genau diese Transformation vom Underdog zum Bezwinger einer scheinbar unlösbaren Aufgabe ist es auch, die den Protagonisten bzw. die Protagonistin sympathisch wirken lässt. Was allerdings noch viel wichtiger ist als Sympathie, ist die Empathie.

5. Empathie will gelernt sein

Erst die Empathie, das Mitfühlen, bindet uns durch Emotional Attachment an die Hauptperson und ihre Geschichte. Die Forschung hat bewiesen, dass wir beim Einfühlen in Erzählungen Empathie lernen können. Storytelling leistet also auch in der Sozialisation der jüngsten Generation seinen Beitrag: Beim Vor- und Selbstlesen können sich Kinder in die Geschichten ihrer Lieblingshelden und -heldinnen einfühlen und so Empathie üben, die im gesellschaftlichen Umgang gefragt ist. Wir erinnerten uns an unsere Lieblingsgeschichten als Kinder und fragten uns, welchen Einfluss diese wohl damals schon auf uns hatten. Wie haben österreichische KinderbuchautorInnen wie Christine Nöstlinger, Thomas Brezina oder Mira Lobe, oder internationale Geschichtenerzähler wie J.K. Rowling unsere heutigen Werteeinstellungen geprägt? Das Mitgefühl ist es, das uns Zuseher in das Geschehen emotional einbindet. Nach Abschluss der Erzählung – wenn dann der erwartete „The End“-Screen auf dem Bildschirm gezeigt wird – können wir durchatmen und fühlen uns erleichtert, als wäre uns ein Stein vom Herzen gefallen. Als Film-Begeisterte konnten wir beim Workshop dieses Gefühl natürlich nachvollziehen. Aber was steckt hinter diesem Gefühl?

6. Das reinigende Element: Katharsis

Bereits Aristoteles erkannte die reinigende Wirkung vom Einleben in Erzählungen durch den Zuschauer, Katharsis genannt. Dieses gute Gefühl, das wir haben, wenn wir ein Buch zu Ende lesen, einen Film anschauen oder endlich die achte Staffel einer Serie genießen können, konnte er schon in der Rezeption der antiken Tragödie beobachten. Für ihn war die Katharsis, die emotionale Reinigung, eines der wichtigsten, um nicht zu sagen das wichtigste Element bei der Konzeption einer gut geschriebenen, erfolgreichen Tragödie.

7. Die 3-Akt-Struktur: von griechischen Tragödien…

Außer der Katharsis ist noch ein weiteres Relikt der antiken Tragödie nach wie vor rege in Verwendung: die 3-Akt-Struktur. Bewährt seit mehr als 2000 Jahren wird der 3-Akter in seiner Konzeption von Aristoteles aus dessen fragmentarisch erhaltenem Werk „Poetik“ als Grundlage für Erzählungen aller Art verwendet. Von sämtlichen griechischen Tragödien über Goethe bis hin zu den modernen Marketingstrategien der großen Firmen: Die 3-Akt-Struktur kann auf eine große Anzahl an unterschiedlichsten Verwendungen zurückblicken. Der erste Akt dient grundsätzlich der Vorstellung der Charaktere und legt die Ausgangssituation dar. Er endet mit dem auslösenden Moment, das den Konflikt lostritt und den Protagonisten oder die Protagonistin in Bedrängnis bringt. Im zweiten Akt wird an der Lösung des Konflikts gearbeitet. Meist kommt hier auch die Spannung an einen Höhepunkt, die schließlich im dritten Akt aufgelöst wird, indem jemand zu Hilfe kommt oder sich die Hauptfigur selbst befreien kann. Zum Schluss findet bei einem guten Ende meist eine Rückkehr statt, in den Tragödien hingegen kommt es zur Katastrophe und die Hauptfigur stirbt.

8. … zu Superbowl-Werbungen

Zum Beispiel lässt sich die erfolgreichste Werbung in der Geschichte des Superbowl – „The Lost Dog“ von Budweiser – ebenfalls in drei Akte einteilen, auch wenn sie nur knapp eine Minute dauert. In der Werbung sehen wir einen jungen Welpen, der auf einem Hof lebt, seinen Besitzer und die Pferde in den Ställen (Vorstellung der Figuren). Aus Versehen kommt der Welpe in einen Pferdeanhänger, der davonfährt (Auslösendes Moment). Danach sieht man, wie der Hund versucht, wieder nach Hause zu finden, und er gleichzeitig von seinem Besitzer gesucht wird (Zweiter Akt). Er ist schon beinahe zu Hause, man sieht den Hof am Horizont auftauchen, als plötzlich ein Wolf auftaucht und den Welpen bedrängt (Höhepunkt der Geschichte). Durch das Jaulen des Welpen werden die Pferde auf ihn aufmerksam und kommen ihm zahlreich zu Hilfe. Dadurch wird der Wolf vertrieben (Auflösung des Konflikts) und der Welpe kann zu seinem Besitzer zurückkehren (Rückkehr nach Hause).

9. Plotpoints: Die Dreh- und Angelpunkte einer Geschichte

Als Plotpoints bezeichnet man die Übergänge zwischen dem ersten und dem zweiten Akt sowie vom zweiten zum dritten Akt. Hier trifft der Protagonist bzw. die Protagonistin die wichtigen Entscheidungen, die die Geschichte und ihn/sie weiterentwickeln. Häufig ist es gar nicht so leicht zu erkennen, welche Szenen die Plotpoints sind, es verlangt ein wenig Übung. Jedoch könnt auch ihr das üben: Beim Filmschauen auf die Charakterentwicklung der Hauptfigur achten und versuchen, die entscheidenden Wendungen in ihrer Person zu erkennen. Diese Wendungen sind es schließlich auch, die es dem Charakter ermöglichen, sein volles Potenzial zu erreichen.

10. Struktur will gelernt sein, Kreativität muss man haben

Wie so oft im Leben hilft eine geordnete Struktur, ein Modell oder eine wie auch immer geartete Vorlage weiter, jedoch können diese die eigene Kreativität auch nicht ersetzen. Schließlich und endlich bleibt die kreative Arbeit bei uns und unseren Köpfen hängen. Mehr als nur einmal erwähnte Thorsten Müller das bei unserem Workshop. Eine gut strukturierte Erzählung wird nur zum Leben erweckt, wenn der Inhalt, die Charaktere und die Ausgestaltung den Zuschauer auch in den Bann ziehen können. Beim Erdenken einer Geschichte kann einem niemand weiterhelfen.

Mehr Infos für euch

Wir möchten uns ganz herzlich bei unserem Mentor und Experten für Storytelling Thomas Müller für den großartigen Workshop bedanken. Wir haben einen ganzen Tag mit vielen spannenden Infos zusammen verbracht und die wichtigsten Punkte habe ich in diesem Artikel für euch zusammengefasst: von der Heldenreise über Figurenkonstellationen bis hin zur 3-Akt-Struktur.

 

Falls ihr noch mehr Infos haben wollt, könnt ihr als Mitglieder des Österreichischen Jugendfilmverbands natürlich auf die Unterlagen des Workshops zugreifen. Unser Mentor Thorsten Müller stellte uns hierfür seine Folien zum Vortrag und eine Storytelling-Toolbox zur Verfügung. Zudem hat Anna freundlicherweise für alle, die nicht dabei sein konnten, mitgeschrieben. Interesse? Schreib uns!

Falls ihr auf den Geschmack gekommen seid und gern beim nächsten kostenlosen Workshop des Jugendfilmverbands dabei wärt, meldet euch doch einfach hier für weitere Infos an:

Wir versorgen euch gerne mit Terminen zu unseren nächsten Workshops, kreativen Filmprojekten und Stammtischen, und freuen uns immer über neue Gesichter!

 

Unsere Aha-Momente

Wir, besser gesagt Peter Hackl-Lehner und Christoph Mader, haben einige Teilnehmende vor laufender Kamera gefragt, was sie aus dem Workshop mitgenommen haben. Seht selbst!

Eure Aha-Momente

Nun haben wir uns einen ganzen Tag den Kopf zu unseren Lieblingsgeschichten zerbrochen und sind neugierig: Welche sind eure Lieblingsstories? Und welche der hier vorgestellten Muster konntet ihr dort nun erkennen? Teilt eure Aha-Momente mit uns in den Kommentaren, wir sind gespannt!

Bis zum nächsten Mal!

Liebe Grüße,
Claudia

Mitglied beim Österreichischen Jugendfilmverband
und Teilnehmerin des Storytelling-Workshops

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